Die Kantine im Berliner Ensemble, Teil I
Also, eigentlich wollte ich heute ja nicht bloggen, weil ich heute kein Foto von Sophie gemacht habe. Aber das muss ja nicht jedes Mal sein, und außerdem kann ich mir auch mal wieder Mühe geben und versuchen, mit Worten ein Bild von allem zu malen.
Heute also habe ich erst einmal vormittags - während unser Sophiechen nach einem anstrengenden Wickel-, Umzieh-, Kuschel- und Spielmorgen schlief - zwei Stunden oder so an dem Artikel gearbeitet, den ich Ende des Monats nach Bremen schicken muss. Dort wird der Tagungsband zu der kleinen Konferenz herausgebracht, die im März stattfand. Sechs Monate sind seither vergangen, ich habe meinen Vortrag längst in einem anderen Artikel verwertet und muss mir nun neue Sätze für (fast) den gleichen Inhalt aus den Fingern saugen. Ein bisschen was neues kommt auch mit rein. Mal sehen, wie's am Ende klingt ;)
Danach fühlte ich mich jedenfalls zufrieden und voller Tatendrang und machte mich zuversichtlich mit meiner Süßen im Kinderwagen auf, die Theaterkarten für meine Mutti für die Vorstellung am Freitag aus dem Berliner Ensemble an der Friedrichstraße (mitten in Berlin) abzuholen. Sophie war also gut eingepackt, und ich hatte mein Rucksäckchen geschultert und so machten wir uns frohen Mutes auf den Weg... Moment, wohin eigentlich? Zum Bus, der nur alle 20 Minuten fährt (ich weiß bloß immer nicht, wann... 3 - 23 - 43 oder war's 13 - 33 - 53???) und den wir trotz der geplanten Ausgabe einer Einzelfahrt sowieso nicht nutzen konnten, weil wir nur großes Geld hatten (wir Glücklichen, eigentlich)? Oder zu Fuß zum S-Bahnhof (ca. 2,5 km entfernt, bei dicken Wolken am Himmel ein etwas heikles Unterfangen), wo ich dann verärgert mit meiner EC-Karte eine Einzelfahrt kaufen müsste, die doch auch schon im Bus gegolten hätte? Ich wählte eine dritte Alternative (.......... Spannung........... ) --- Ich ging in den Zeitungsladen, kaufte dort zwei Einzelfahrten, bezahlte mit meinem Schein und belohnte meine Klugheit gleich mit einem Eis am Stiel! :) Der Zeitungsmann freute sich auch, nicht nur zwei Fahrtkarten verkauft zu haben. Sophie lächelte und so waren alle rundum glücklich.
Bis ich 5 Minuten und ein halbes Eis später auf der Straße in einen Platzregen kam. Wir fanden Unterschlupf unter einer Markise (ich hatte dem Kellner in dem Restaurant wild gestikulierend zu verstehen gegeben, dass er sie bitte nicht einziehen sollte, sobald er damit begonnen hatte, was er auch freundlicherweise dann tat/ bleiben ließ). Allerdings versuchte ich trotzdem, Sophies Kinderwagen mit dem Regenschutz zu bedecken, was mit einer Hand (ich hatte ja noch mein Eis) nicht gut ging. Der Entschluss, mein Eis erst zu Ende zu essen und dann den Regenschutz drauf zu machen, fand bei dem ebenfalls unter der Markise Schutz suchenden Radfahrer kein Verständnis und unter dessen energischen "Sie ist doch noch so klein!"-Rufen musste ich mir mein Eis am Stiel in den Mund stecken, die Kälteschocks an meinen Zähnen ertragen und die Plane überziehen. Als ich dann mein Eis in aller Ruhe zu Ende gegessen hatte, waren wieder alle rundum glücklich :)
Letztendlich entschied ich mich dann bei nachlassendem Regen doch zu versuchen, den 20-Minuten-Bus zu erwischen und spazierte entlang dessen Strecke. Als wir dann eingestiegen waren, fuhr der Busfahrer wie ein Verrückter (im Erzgebirge würden wir vielleicht sagen "wie ein Besengter"), so dass ich Angst hatte, meine Stange und den Kinderwagen loszulassen, um mein Einzelticket zu stempeln! Aber ich wollte diese Busfahrt unbedingt als Teil dieser teuren Ausgabe gelten lassen! (Ein Mann ging sogar unter Einsatz seines Lebens zu dem Fahrer nach vorne und beschwerte sich über die Fahrweise, musste sich aber geschlagen geben. Ich glaube, der Bus war irgendwie zu spät dran und musste deshalb so schnell fahren... ein paar Mal fuhr er über dunkelgelbe Ampeln!)
Am Bahnhof Zoo angekommen stürzte ich mich dort ins Nachmittagsgewühl (dieser Bahnhof ist so schmutzig - ich suche immer die offenen Türen, und drücke Fahrstuhlknöpfe mit meinem Ellenbogen, nur damit ich nichts anfassen muss), half einem Holländer die richtige S-Bahn zum Hauptbahnhof zu finden und war dann endlich mit Sophie auf dem Weg zur Friedrichstraße.
Dort angekommen erkämpfte ich mir einen Platz im Fahrstuhl nach unten (es herrscht Platzmacheanarchie in dieser Stadt bei sowas, besonders, wenn an dem Fahrstuhl die Türen auf beiden Seiten aufgehen, und auf beiden Seiten eine Schlage von Wartenden steht!), fragte einen nett aussehenden Typ, mir an der Treppe zu helfen und kämpfte mich dann durch Pfützen, lauten Verkehr, über Bordsteinkanten und vorbei am alten Brecht ins Foyer des BE. Dort musste ich erst einmal Sophie beruhigen, bevor ich endlich die heiß begehrten Eintrittskarten in der Hand hielt. Und dann kam das Beste: nachdem ich die Kassiererin gefragt hatte, wo ich Sophie wickeln könne, empfahl sie mir die BE "Kantine" im Hof des Theaters, wo es Sitzbänke gäbe, auf denen ich das machen könnte. Ich hatte eine Sitzecke im Toilettenbereich erwartet, aber als ich das Ambiente dort inspizierte und mich mit meinem Bündelchen an der Schulter Richtung WC schlich, wurde mir klar, dass die Dame gemeint hatte, ich solle Sophie in dieser Kneipe wickeln!! Dort, wo alle berühmten Regisseure und Schauspieler (oder wenigstens die, die sich dafür hielten) zu Mittag aßen bzw. gerade eben ihren Kaffee tranken und eine Zigarette dazu rauchten? Und mal abgesehen davon: dort drin stand die Luft vor Qualm! Ich hätte es nicht mal sehen können, wenn dort irgendjemand Berühmtes rumgesessen hätte!
Jedenfalls konnte ich es Sophie nicht zumuten, ihren werten Hintern in diesem heiligen Ambiente zeigen zu müssen, die Toiletten selbst waren auch eine Zumutung (ohne Wickeltisch natürlich) und so musste sie etwas weinerlich den Rückweg über sich ergehen lassen.
Allerdings hatten wir da wieder gutes Wetter und nach einer Rückfahrt, auf der wir ein gerade vom Flughafen kommendes, spanisches Touristenpärchen beobachteten, das - einmal aus der S-Bahn ausgestiegen - nichts Eiligeres zu tun hatte, als sich eine Bockwurst zu kaufen und Fotos von sich damit zu machen, waren wir nach ca. 1,5 Std. wieder zu Hause.
Und diesmal waren wir alle wirklich glücklich. Was für ein Ausflug! :) (Ich hoffe, das Stück am Freitag wird es das alles wert sein ;) )

2 Comments:
Hahahahahahahahahahahaha! Thanks for this, it helps make jetlagged blog-reading at 5 in the morning fun. =)
(Although I definitely think you should have changed Sofie in the Kantine. With what pride she could have spoken of the event, later in life!)
Hallo Conny, interessant... übrigens kann man sich bei der BVG über unfreundliche oder rasende Fahrer beschweren-
Dein Bruder Thomas
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