Monday, February 19, 2007

Eintrag aus Rom, 18.2.07

Es ist nun 19.00 Uhr am Sonntag, und obwohl wir schon seit Freitagvormittag in Rom sind, komme ich erst jetzt dazu, einmal meine Gedanken zu sammeln und aufzuschreiben, was wir in den letzten Tagen so erlebt haben.

Zuerst einmal: die Italiener/ Römer scheinen wirklich ein ganz anderes Lebensgefühl zu haben als wir Deutschen. Das ist keine Neuheit; allerdings habe ich das an diesem Wochenende doch recht deutlich erfahren. Nicht nur, dass ich die Leute aus der Ferne beobachten konnte: in Geschäften geht zwar alles recht rasch zu, aber ich habe doch gemerkt, dass die Verkäufer und Kunden Freundlichkeiten austauschen. Auch auf der Straße ist alles eher hektisch, und es wird auch oft gehupt, allerdings nie auf eine so drohende Art und Weise wie in Deutschland, sondern eher warnend von hinten, zum Beispiel wenn sich wieder mal eine Vespa durch die Autoreihen schlängelt.

Vespas und andere Mopeds in Transtevere (ein Teil von Roms Altstadt)

Dieses Mal konnten Nate und ich unser Reiseziel und dessen Bewohner aber noch viel besser kennen lernen als sonst, denn dieses Mal hatten wir sozusagen einen persönlichen, ganz ausgezeichneten Reiseführer: Nates Freund Frederico. Die beiden hatten sich letzten Herbst im Deutschkurs in der Volkshochschule getroffen und als Frederico im Dezember wieder zurück nach Rom ging, entschlossen wir uns seiner Einladung zu folgen und buchten einen Flug für Februar.

Und wir wurden nicht enttäuscht: Frederico ließ es sich nicht nehmen, uns zu jedem - aber auch wirklich jedem - seiner Lieblingsplätze in der Stadt und außerhalb zu fahren! Mit seinem kleinen blauen Fiat Seicento fuhr er uns während der drei Tage auf (fasp) alle sieben Hügel, durch die engen Pflastersteingassen von Transtevere, entlang des Tiber, vorbei am Petersplatz, ums Kolloseum und zu einigen kleinen, romantisch gelegenen Dörfern außerhalb der Stadt, an einem See. Und die ganze Zeit erzählte er uns über die Denkmäler, Ruinen, Kirchen und Plätze, mit seinem italienischen(e) Deutsch(e), bei dem er an jedem Wortende ein kleines "e" setzte, sofern es nicht schon in einem Vokal endete.

Er führte uns in seine Lieblingskneipen und -restaurants, übersetzte uns immer sorgfältig fast alle Gerichte, beschrieb uns bei den leckersten, wie sie zubereitet wurden und bestellte auch immer interessante Vorspeisen für uns alle. Heute morgen brachte er uns "Cornetti" - Croisants, gefüllt mit Pistazien- bzw. Vanillecreme, weil er gestern mitbekam, wie gern ich süßes Gebäck mag. Und mit ihm darüber zu sprechen, wie ein guter Cappucino schmecken und wie der Milchschaum darauf aussehen muss, das ist immer schon ein Genuss an sich.

Frederico scheint diese chaotische Stadt sozusagen wie seine Westentasche zu kennen, und so konnten wir während der Autofahrten konnten wir auch tiefer gehendere Gespräche führen: über Sport (Fußball natürlich) Geschichte (die Römer und ihre Faszination mit Griechenland, das Alte Rom überhaupt, der Faschismus in Deutschland und Italien, die 68-er in Rom), Literatur (Frederico sprach ganz begeistert von Dante!), Filme (La dolce Vita, Goodfellas), italienische Politik (Berlusconi, die Sizilianische Mafia, Kriminalität in Neapel) und Religion (speziell die letzten beiden Päpste). Frederico scheint eine sehr breite Allgemeinbildung zu haben, und da er im Moment Jura studiert, ist er auch gut informiert, was in Italien politisch so los ist. Und das hat natürlich enorm dazu beigetragen, dass auch Nate und ich viel Neues über dieses Land lernen konnten.

Nate, ich und Frederico auf einem der sieben Hügel von Rom

In Rom gibt es während der ganzen Woche Fahrbeschränkungen in der Innenstadt, bzw. der so genannten "grünen Zone". Dort dürfen Autos, deren Baujahr länger zurück liegt als 2004 nur abends bzw. an Sonntagen gar nicht fahren. Die offizielle Begründung ist die Vermeidung von Luftverschmutzung, doch unser Freund meinte, so sollen nur neue Autos verkauft werden. Was auch immer der Grund dafür ist, Frederico war jedenfalls oft gezwungen, große Umwege zu fahren, um uns an einen bestimmten Ort zu bringen. Und einiges konnten wir erst nach 18.00 Uhr sehen, den Petersplatz zum Beispiel. Aber Frederico war hartnäckig und zeigte uns letztendlich wohl alles, was er sich vorgenommen hatte.

Hier nun einige kurze Berichte zu den einzelnen Tagen.


Freitag

Wir trafen Frederico mittags an unserem Hotel und bekamen einen ersten Eindruck vom Verkehr in Rom. Er fuhr uns zu einer schönen Aussicht über die Stadt und wir schauten beim Malteserorden durchs Schlüsselloch. (Hinter der großen Eisentür liegt ein Garten, der durch das Schlüsselloch den Blick direkt auf den St. Peters Dom in der Ferne frei gibt.)
Dann schauten wir uns auf der Ostseite des Tiber, gegenüber des Vatikan um: der Panthenon, Piazza Navona, Piazza Farnese, Campo de Fiori. Mittag aßen wir vorher in einer minikleinen, aber wohl sehr bekannten Trattoria, wo wir nicht nur hausgemachte Fettucini, sondern auch gebackene Artischocken probierten. Letztere schmeckten hervorragend; wie Chips so knusprig, aber vom Geschmack her eher wie Mandeln oder Nüsse.
Nach 18 Uhr konnten wir dann weiter in die Stadt fahren und sahen dann noch die Fontana di Trevi und die Spanischen Treppen.
Das Wetter war den ganzen Tag über mild gewesen: strahlend blauer Himmel, und in der Sonne bestimmt 20 Grad.

eine Kirche irgendwo östlich des Tiber in der Mitte Roms - der blaue Himmel!


Samstag

Am Samstag dann war es eher bewölkt, und auch nicht mehr so warm. Aber wenigstens regenete es nicht... (das sollte dann am Sonntag kommen...)
Wir wollten uns erst nachmittags mit Frederico treffen und fuhren so nach einem kleinen Frühstück im Café neben dem Hotel mit der Metro zum Circo Massimo. Den liefen wir in seiner ganzen Länge ab und stellten uns dabei vor, wie wohl hier Wettkämpfe und sogar Seeschlachten stattgefunden haben. Was unserer Phantasie nicht wenig abforderte, denn es gibt neben dem Circo eine sehr belebte, laute Straße, und dazu laufen auch einige Touristenjogger lächzend ab und zu an einem vorbei. (Ob sich für diese wohl die weite Anreise gelohnt hat, um im Circo Massimo ihre Runden zu drehen...?)

ein Hund ging auch im Circo Massimo spazieren

Dann spazierten wir zum Kollosseum, wo wir uns unter touristischen Massen wiederfanden, diese beobachteten und über die Centauren mit Handys und Sportmützen lachten (wenn sie Pause oder Feierabend hatten). Hinein gingen wir nicht, da waren wir schon einmal und wir konnten uns nicht vorstellen, dass sich im Kolloseum selbst in der für uns so langen Zeit von zehn Jahren etwas verändert haben sollte. Außerdem war die Schlange immens lang und der Eintritt - so sagte uns später Frederico - 11 Euro oder so.

Stattdessen sahen wir uns den kostenlos zugänglichen Teil des Forum Romano an, den wir damals aus irgendeinem Grund nicht betreten konnten (wahrscheinlich war damals wegen der vielen Touristen geschlossen gewesen - es war ja Sommer). Das war sehr beeindruckend, besonders, wenn wir uns vorstellten, wie die alten Römer dort ihre Versammlungen und Gespräche abhielten. Allerdings mussten wir auch hier unsere Einbildungskräfte anstrengen, denn die anderen Touris mit ihren Reiseführern und die wenigen erhaltenen, zusammenhängenden Gebäudereste halfen nicht gerade viel.

wir im/ vorm Forum Romano

Dann rief Frederico an und wir verabredeten uns am Konstantin-Bogen (toll, oder?), um den Rest des Tages zusammen zu verbringen.
Er fuhr uns zu seinem Lieblingsstadtteil - Transtevere. Dort würde er gern wohnen, wenn er viel Geld hätte (denn das braucht man dort). Es gibt dort viele alte, schmale Häuser, enge Gassen mit Kopfsteinplaster und kleine Pizzerien. Im Moment wohnen in diesem Teil der Stadt wohl hauptsächlich Ausländer, und die Touristen häufen sich am Wochenende - wennauch nicht so sehr wie am Kollosseum.
Wir hatten leckere Pizza von einer Bäckerin aus Neapel, probierten leckeres Gebäck zum Nachtisch, und ich fand heraus, dass Nutella eigentlich aus Italien kommt (Ferrerro hat den gleichen Besitzer wie Fiat).

Am Nachmittag fuhren wir dann in die Satellitenstadt "EUR", die Mussolini für die Weltausstellung 1942 bauen ließ (mit einem "kubischem Kollosseum"!), die jedoch nie dafür genutzt wurde, weil die Weltausstellung damals wegen des Krieges nicht stattfand. Nun werden die - ästhetisch sehr fraglichen - Gebäude von italienischen Behörden und Museen genutzt. Architektonisch ähnlich geartet ist Roms größte Universität, die "erste Universität", die auch unter Mussolini gebaut wurde. Dort studierten Fredericos Eltern, dort erlebten sie auch die Aufstände der linken Studenten gegen die Professorenschaft 1968 (bei denen es auch einige Tote gab). Frederico selbst studiert dort nicht, sondern an einer kleineren Uni, weil dort die Betreuung wohl besser sei und er sich so besser auf sein Studium konzentrieren könne. Anders als in Deutschland sind in Italien/ Rom also mehr Gebäude der Faschismus-Zeit erhalten und werden auch noch genutzt.

das zentrale Gebäude der "ersten Universität" Roms

Nach einer kleinen Pause im Hotel für Nate und mich holte Frederico uns zum Abendessen ab. Wir aßen in einer kleinen Kneipe neben seinem Gymnasium: leckere Pasta und als Vorspeise Oliven in Semmelteig (frittiert). Sehr lecker!


Sonntag

Heute war das Wetter dann tatsächlich ziemlich kühl und regnerisch. (Überall in der Stadt fanden sich plötzlich an den Straßenecke und an der Metro Regenschirmverkäufer ein. Frederico meinte, die gleichen verkaufen bei sonnigem Wetter dann Sonnenbrillen.) Trotzdem fuhr uns Frederico nach Anguilliara, einer kleinen Stadt an einem See ca. 30 Minuten von Rom entfernt, die nach dem italienischen Wort für "Aal" benannt wurde. An dem See gibt es noch zwei weitere Städtchen, und je nachdem, in welchem man sich befindet, heißt der See anders: jede Stadt hat ihn nach sich selbst benannt!

Anguillara

Das Städtchen, das wir besuchten ist malerisch an einem Berghang gelegen und überblickt den See. Die Häuser sind aus dem Mittelalter und weil es heute so kalt war und geheitzt werden musste, lag der Geruch von Brennholz in der Luft. Wir liefen aber nicht lang draußen herum, sondern gingen bald in ein Fischrestaurant, in dem wir Muscheln (auf Italienisch: "cozze") versuchten, die - entgegen diesem Omen im Nomen, sozusagen - doch sehr lecker waren! So bestellte ich mir dann Pasta mit ebendiesen Muscheln, Shrimp und Meereskrebsen in Tomatensoße. Nate hatte Gnochi (Kartoffelnudeln) mit Meeresfrüchten, Frederico bestellte sich Risotto mit Shrimpcreme - etwas sehr "delikates", wie er es nannte (und das war es auch tatsächlich - wir kosteten alle alles reihum). Auch das Tiramisu teilten wir uns am Ende, und den Kaffee tranken wir anschließend in einem anderen Restaurant. Wie ihr seht - unser lieber Freund ist nicht nur ein hervorragender Reiseführer und "Taxifahrer", sondern auch ein Gourmet ohne Gleichen!

Bevor wir in die Stadt zurückkehrten zeigte er uns noch eine kleine Stadt (ursprünglich von den Etruskern gegründet) mit einer bekannten, alten Kirche und einer kleinen Burg, die der reichen Römer-Familie Farnese gehörte, in der aber jetzt ein Däne (mit einem BMW in der Einfahrt) wohnt. Leider regnete es zu dem Zeitpunkt schon wieder ununterbrochen, so dass wir uns dort nicht lange aufhielten. Aber auch aus dem Auto konnten wir die Gegend ganz gut genießen.

Auf dem Rückweg nach Rom sahen wir noch einige alte Ruinen von der Straße aus: Römergräber und Aquädukte, die Frederico für uns fand. Er konnte$uns nicht leider zum Hotel zurückbringen, weil sich dieses in der "grünen Zone" befindet. So stiegen wir an einer Metrostation aus und fuhren allein zurück. Im Bahnhof Termini kaufen wir noch Brot, um dann abends hier im Hotel unseren frisch am See gekauften Prosciutto-Schinken zu genießen.

die kleine Kirche in Isola Farnese


Und nun versuchen wir nun unsere Erlebnisse ein bisschen zu verarbeiten. Ich habe das hiermit ganz gut machen können. Ich hoffe, ihr konntet mir ein bisschen (durch Rom) "folgen" und es hat euch neugierig gemacht, selbst mal (wieder) herzukommen und die Stadt, die Leute und das Essen zu genießen.

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